Absteiger*in
Absteiger Nummer 1 - FC St. Pauli. Na und, möchte man da sagen - davor ist mir nicht bange!
Sorry für die Headline, ich lese gerade einen sehr guten (und ein wenig nerdigen) Artikel zum Thema Gendern. In a nutshell: auch wenn es andere stört, das Ziel, alle sichtbar zu machen in unserer Sprache, überwiegt.
Und ich lese im Millernton, dass das mit dem Abstieg noch keine ausgemachte Sache sei. Das sehe ich auch so. Ist mir aber nicht so wichtig.
Als St. Pauli Fan muss ich immer mit dem Abstieg rechnen. Er gehört quasi zu unserem Setup im Profifußball dazu. Ich habe mir angewöhnt, ihn immer und jederzeit für wahrscheinlich zu halten — selbst wenn ich aufgrund einer tollen Vorbereitung schon von Europa träume. Das macht ja den ganzen Spaß aus, dieser Widerspruch.
Spaß ist übrigens ein gutes Stichwort. Nimmt man das Bundesliga-Drama nicht so ernst, fokussiert man sich automatisch auf andere Dinge.
Ich habe mir (im besten Camus-schen Sinne) diese Absurdität ausgesucht, also mache ich das beste draus.
Ich konzentriere mich auf das gemeinsame Erleben, auf das, was wir als FC St. Pauli in der Lage sind zu tun.
Wenn man keine Angst vor dem Abstieg hätte, könnte man so viele Dinge besser machen (die ich nicht alleine machen kann, da bräuchte es diese Angstlosigkeit im ganzen Schankraum):
- Konsequent die Jugend fördern. Bisher trennt eine undurchdringliche Decke aus Leistungsdenke und Angst den Jugendbereich des FCSP vom Profibetrieb. Ohne die bange Ausrede, dass man sich das Heranführen von Talenten im Abstiegskampf nicht leisten könne, wäre viel mehr möglich. Lustigerweise nennt der Verein immer Mainz, Augsburg und vor allem Freiburg als Vorbilder, bekommt es aber nicht hin seinen “Locals” auch nur eine Spielminute zu gönnen.
- Frauenfußball stärken. Die Frauenabteilung beim FC St. Pauli hat auf bittere Weise erfahren müssen, dass männlich dominierte Vorstände in ihren Bereich rücksichtslos reinregieren. Das sitzt tief und ist Grund für die starke Autonomie aller Abteilungen im Verein. Gut so. Dennoch könnte man viel bessere Rahmenbedingungen schaffen, in denen die 1. FRN des FCSP sich entfalten könnten, würde man nicht jeden Cent in die Männer stecken. Strategisch ist das sowieso ein Fehler, wenn man sein eigenes Marketing von der Verknüpfung von sportlichem Erfolg und politisch-kultureller Wahrnehmung glauben will: es gibt schlicht keine preiswertere Art beides zu verknüpfen.
- Echtes Teambuilding. Alex Blessin ist ein hochveranlagter, im Red Bull Imperium ausgebildeter Profitrainer (irgendwie auch ein Widerspruch zur Kernidee des FC St. Pauli, stört aber keinen) – ein guter Coach ist er (in gewissen Bereichen, nä Dapo?) imho nicht. Ich persönlich hoffe: noch nicht. Ohne jetzt eine Trainerdebatte vom Zaun zu brechen (der Kölner gibt ihm noch bis zur Niederlage gegen Werder), sehe ich auch bei ihm mehr Potenzial, wenn wir uns konsequent den Ansprüchen des modernen Fußball verweigern. Wir sind schon länger zu einer guten Adresse für junge (externe) Talente geworden, das ist gut. Allerdings hecheln wir da immer hinterher. Konsequente Anderspositionierung, wie bspw der Fokus auf die persönliche Weiterentwicklung von kleinen Ich-AGs zu Teamplayern, könnte unseren sportlichen Erfolg langfristig vielleicht besser gewährleisten, als das Fischen in derselben Kapitalismusbrühe wie alle anderen.
Es ist ein wenig wie mit dem Gendern. So eine konsequente Anderspositionierung wäre anstrengend, würde die eine oder den anderen verprellen (hallo Mopo-Leser ;), am Ende lohnte es sich, uns vom Drama des Dazugehörenwollens zu befreien.



Initiiere ruhig eine Trainerdebatte 😀 ...