Dabei fing der Tag recht cozy an.
Ich war gerade beim ausgedehnten Frühstück als eine Nachricht von Willi eintrudelte: “Wo guckt ihr das Spiel?”.
Wir hatten Lust, uns zu sehen und nach ein paar Nachrichten via Signal verabredeten uns “halbe Strecke” im Aalhaus in Altona Ost.
Das Aalhaus ist eine entspannte Kneipe fernab der Touristrecken durch Schanze und Ottensen, in der regelmäßig auch coole Konzerte stattfinden. Für uns von St. Pauli POP wie gemacht.
Ach ja, denke ich als ich in die S-Bahn steige, heute spielt ja der HSV zuhause. Darum steigen so viele Rauten ein. In ihren Gesichtern spiegelt sich dieselbe trotzige Hoffnung, wie in meinem. Gegen alle Wahrscheinlichkeit, doch einen fulminanten Sieg der eigenen Mannschaft zu sehen. In diesem Sinne, sind wir uns nicht unähnlich, denke ich, als der junge HSV Fan neben mir sich ein Bier aufmacht.
Als ich ein wenig später die Max-Brauer-Allee hinunter schlendere, bleibt mein Blick an einer Fahrradampel hängen. Von oben nach unten erzählen die Sticker eine kurze Geschichte, eine des Spiels gg Dortmund vielleicht:
Krise, St. Pauli, Ricky, Ricky.
Zweimal Ricky. Das bedeutet ja zwei Tore für Ricky, freue ich mich. Ein Wink des Universums? Ich konnte da noch nicht ahnen, dass “2x Ricky” für zwei Tore DURCH Ricky steht.
Im Aalhaus gibt es Pilsener Urquell vom Fass. Das ist nicht nur lecker, sondern auch echt ne Wohltat ggü der Astra—Carlsberg Plörre anderswo (ja, Millerntor: Du kannst einiges, aber Bier kannst du nicht!)
Willi ist schon da und hat mir einen Hocker reserviert. Wir sitzen direkt an der hölzernen Bar. Der Blick auf den Fernseher ist gut. Das kleine Gezapfte steht vor mir — Anpfiff. Die Boys stoßen an; wir stoßen an. Auf uns, auf die Boys auf dem Rasen im fernen Dortmund und auf das, was ein wenig die klamme Hoffnung nährt: noch steht auswärts bei einem Championsleague-Aspiranten die Null.
Die erste Hälfte ist erwartungsgemäß von intensiver Abwehrarbeit geprägt. Szene des Spiels ist bis dahin das Einklinken von Lars Ritzka in den Lauf eines Dortmunder Hochbegabten, bei der er am Ende einer langen Grätsche wie ein Schweizer Messer zusammenklappt und mit dem Restschwung den Ball vom Fuß des Gegners löffelt. Toll.
Die Zuschauer im Gastraum vor der großen Leinwand klatschen Szenenapplaus. Hier freuen sich alle über die stehende Null. Jede Aktion, die diesen Status hält, wird höflich goutiert.
Nur einer unkt. Schräg neben mir sitzt eine Reihe Senioren bei schalem Bier. Sie schimpfen. Und unken.
Das gibt noch n Gegentor in der Nachspielzeit der ersten Hälfte, sagt einer.
Dummerweise hat er recht (was ich dem Unkenden — auch denen im Stadion — ja immer besonders übel nehme).
Lars Ritzka wird mal wieder überlaufen, die herbei eilende Restverteidigung lässt Adeyemi flanken; Tor für Dortmund in der Nachspielzeit der 1. Hälfte.
Kann man die nicht wieder abschaffen?, fragt Willi neben mir.
Wenn ich ehrlich bin, hatte sich das Spiel so entwickelt, wie es zu befürchten war. Das schnelle 2:0 durch eine Fehlerkette aus Hauke Wahl und Vasilj, ausgerechnet den beiden, verstärkte das Gefühl noch, trotz aller Mühe eben doch chancenlos zu sein.
Willi googelte schon nach Ausstellungen in der Nähe, falls es schnell 4 oder 5:0 stehen sollte. Die Senioren vor mir murmelten negative Beschwörungen, als die Mannschaft des FC St. Pauli ihren Mut wiederfand. Ein Mut, der von taktischen Korsetts befreit aufspielen darf. Von Verzweiflung getrieben sich dem Spiel an sich ergibt. Noch einmal sammeln und Gas geben, schlimmer kann es hier kaum noch werden.
Ich weiß nicht, welche Kraft Sands hat höher springen lassen, als die baumlangen Verteidiger in Neongelb, aber er flog, und er köpfte, und der Ball flog auch, länger und länger werdend ins lange Eck.
Wir können wieder Standards, schwärmt Willi. Ein Wunder. Großer Jubel im ganzen Schankraum. Noch 1 Bier bitte. Und noch ein Tor.
Beim etwas später folgenden Freistoß sagt Willi noch: “jetzt wird’s gefährlich, denn heute können wir billige Standards”.
Eric Smith kann neuerdings auch Schärfe bei den Hereingaben. Und Ricky Jones kann scharfe Hereingaben verarbeiten. Traumtor. Das haben die genauso gewollt, staunt Willi anerkennend, während der unkende Senior vor mir erst seinen Namen googeln muss. (Also nicht den von Willi).
Krise, FCSP, Ricky… hej, wie cool, meine Vision manifestiert sich langsam. Schicke Willi und unseren Followern das Foto von eben.
Keine Bange. Da kommt noch was, und Ricky Rocky Jones spielt im Schlussakkord die Hauptrolle.
Tat er auch. Nur anders als von mir gedacht.
VAR und die Fußballmafia
Fußball kann so brutal sein. Brutal ungerecht; brutal an sich. In der vorletzten Minute der Nachspielzeit (wollte Willi die nicht abschaffen?) wäre das Foul von Ricky schon döspaddelig genug gewesen, nach Einschreiten des VAR wurde schnell klar: es gibt die brutalstmögliche Strafe für den Leichtsinnigen. Einen Elfer für die Doofen, ohne Chance auf Wiedergutmachung.
Den Millimeterfetischismus des VAR kann man doof finden. So wie bei den Millimetern im Abseits, die regelmäßig vom Sinn der Idee befreit Tatsachen kalibrieren. Man darf und kann sich hier aufregen oder sich dem System ergeben - oder einen Beleg erwarten wie Blessin das zu recht tat. Ist halt so und wird mit KI sicher immer genauer, gerechter wird es nicht. Es bleibt am Ende: es war ein klares Foul, und ein doofes obendrein. Andere klare Fouls wurden vom VAR nicht gegengecheckt - und hier liegt eine Quelle von Manipulierbarkeit.
Armer Ricky.
Nimmt den jetzt bitte schnell jemand in den Arm, denke ich beim Abpfiff, als Lars Ritzka und die Bankspieler zu ihm rennen, ihn aufmunternd tätscheln und umarmen. Eric Smith und andere fallen erledigt zu Boden und schauen aus leeren Augen in den Himmel über Dortmund. Als stünde da die Erklärung für ihr Leid — irgendwas, was dem eben gerade erlebten einen Sinn verleiht.
Ich hätte mir gewünscht, dass gerade Eric als Kapitän als erster bei Ricky gewesen wäre.
Es dauert eine Weile, bis ich begreife, dass dieses Störgefühl meine Art ist, den Schmerz der Ungerechtigkeit abzuleiten. Ich tue Eric womöglich unrecht.
Ich wünsche mir, dass diese Aufholjagd nicht umsonst und vergeblich war, dass wir und die Boys in Brown aus diesem Spiel Kraft ziehen, noch enger zusammenrücken. Ich wünsche mir einen Startelfplatz (oder mindestens eine Einwechselgarantie) für Ricky Jones. Ich wünsche mir, daß im Derby alle Ricky pushen, dass Standards auch gegen den HSV unsere besten Waffen sind. Alles nach vorne zu Ricky, der macht das schon. (Wenn es schon kein Happy End bei Dapo gibt, dann dieses. Wenigstens).
Meine Mastodon Timeline hadert immer noch mit dem VAR. Und tatsächlich hätte der FC St. Pauli ohne ihn stark profitiert, selbst einen Elfmeter bekommen statt einen gegen sich.
Am Ende bleibt eine Erkenntnis, die auch Studien belegen: als kleiner Klub wirst du regelmäßig und wahrscheinlich eher en passant statt absichtlich benachteiligt.
Meiner Ansicht nach, hätten weder Schlotterbeck (glatt Rot) noch Adeyemi (Doppelgelb wegen Schwalbe und Grimassen) dieses Spiel zuende spielen dürfen. Aber was solls; keiner will mich ernsthaft als Schiri erleben. Münzen wir am besten auch diese Ungerechtigkeit in Magie um.
Auf zum Derbysieg, zuhause am Millerntor. Gegen alle Odds, ob sie VAR oder “individueller Fehler” heißen.












